Als Kinder- und Jugendbuchautorin erfinde ich Abenteuer, in denen Mut wächst, Freundschaften leuchten und Fantasie keine Grenzen kennt. Ich schreibe für neugierige Köpfe und offene Herzen – und nehme junge Leserinnen und Leser mit auf Reisen, die noch lange nach dem Zuklappen des Buches weitergehen.
Für Jugendliche und junge Erwachsene webe ich Entwicklungsgeschichten, zeige Figuren, die zweifeln, scheitern und wachsen dürfen. Ich nehme junge Leser und Leserinnen ernst, spreche ehrlich über Gefühle und Veränderungen und erzähle von Momenten, in denen Entscheidungen alles verändern. Zwischen Abenteuer, Alltag und innerem Chaos entstehen Geschichten, in denen man sich wiedererkennt – und ein kleines Stück weiter zu sich selbst findet.
Unterhaltsame Geschichten in Anthologien für Erwachsene runden meine Angebot ab. Einiges ist bereits veröffentlicht, noch mehr aber liegt bereit und reift.
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Block B (Auszug)
Einsame Tage lagen vor ihm. Das wusste Rinat. Er hoffte, wie jedes Jahr, nicht allein zu sein am Heiligen Abend, auch wenn Weihnachten in seiner Heimat erst dreizehn Tage später gefeiert wird. Jetzt war er hier, in diesem Land, und am 24. Dezember war die einsamste Nacht des Jahres. Vielleicht konnte er einen Platz am Tisch der Caritas finden, die für alle Einsamen, Alten und Verlorenen eine Weihnachtsfeier ausrichtete. Aber dann hörte er bei der Anmeldung, dass alle Plätze bereits seit Wochen vergeben sind.
Seit er in dieses Land gekommen war, verstört, nur mit einem Koffer und doch froh, hier sein zu dürfen, war er an den Weihnachtstagen allein gewesen. Wie gerne hätte er an einem Tisch gesessen, zusammen mit anderen, in einem Haus, in einer Gemeinschaft, in einem vertrauten Kreis. Aber er hatte keine Idee, wie er das anstellen sollte. Er sprach die fremde Sprache einwandfrei, doch eine Familie würde er wohl niemals haben. „Also werde ich wieder allein in meiner Wohnung sitzen und nach einer halben Flasche Wodka vor dem Fernseher einschlafen“, dachte er. Aber dann kam alles doch ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte.
Rinat „der Lange“, so nannten die Kinder ihn. Dürr und groß war er, und besonders seine Beine, die wie Stelzen wirkten, starr und viel zu dünn für den Körper darüber. Rinat lebt nicht allein auf der Welt, aber in diesem Land. Hier in dieser Mietskaserne wollte niemand den anderen kennen. Niemand außer Jochen grüßte bei den Begegnungen im Treppenhaus oder dem ständig miefigen Fahrstuhl, der nach Zigarettenrauch und Schweiß roch.
Schämten sie sich vielleicht, hier zu wohnen? Für Rinat war das hier besser als die Chruschtschowa, jener Billigplattenbau in Kasan, den er verlassen musste. Dennoch hatte er schon verstanden, dass dieser Stadtteil, diese Siedlung mit den Hochhäusern, die Wohnblocks mit den endlosen, kahlen Fluren und Treppenhäusern, nicht die gute Wohngegend dieser Stadt war. Die Arbeitslosigkeit war hoch, der Ausländeranteil größer als an anderen Orten. Auf den Grünflächen zwischen den Blocks trafen sich abends die Jugendlichen, um zu trinken, manchmal um zu randalieren, voller Frustration und Hoffnungslosigkeit, ob weiß oder schwarz, ob hier geboren oder zugewandert. Müll lag dann morgens neben den Bänken, den ein schimpfender Hausmeister einsammelte. Er hatte ihnen einen Platz angelegt, mit einer Feuerschale. So konnte er den Unrat auf diesen Bereich begrenzen.
Rinat hatte Verständnis für diese Jugendlichen. Er unterhielt sich gerne mit ihnen und sie mit ihm, während deren Eltern sich in ihren Wohnungen versteckten. Sie fühlten sich, wie er, ausgegrenzt aus der Gesellschaft.
„Diese Gesellschaft führt ein paar Straßen weiter ein ganz anderes Leben“, hatte Jochen gesagt. Er arbeitete als Auszubildender mit seinem Chef in diesen Häusern. Sie waren von parkähnlichen Gärten umgeben. Große Garagen, beherbergten teure Autos.
Jochen und Rinat gehörten zu den Wenigen hier, die eine feste Arbeit hatten. Jochen war stolz auf seinen Ausbildungsplatz als Heizungsinstallateur.
Schlecht bezahlt und ohne Würde und Ansehen verrichtete Rinat, der einstige Jurist, seine Arbeit in einem Großlager. Die Arbeit brachte ihn heraus, gab seinem Tag Struktur.
So kam er ohne Unterhalt eines Landes aus, das ihn aufnahm, als er verfolgt wurde, und dafür war er dankbar. Seine Wohnung war warm, wärmer als die in Kasan, die man ihm damals zuteilte.
Das erzählte er Jochen, als er mal wieder bei ihnen an der Feuerschale stand. Die Jugendlichen hörten ihm zu, fragten ihn nach seiner Heimat.
„Die Plattenbauwohnung war eisig. Die Heizung fiel regelmäßig im Winter aus. Als ich auch sie verlor, lebte ich auf der Straße.“
„Wie war das, auf der Straße zu leben?“, fragte ein junges Mädchen.
Rinat erzählte: „Zuerst steckten sie mich immer wieder unter einem fadenscheinigen Vorwand ins Gefängnis, alles erfunden und erlogen. Es verließen mich die Freunde, die Kollegen, meine Familie. Mein Haus wurde mir weggenommen, ebenso meine Anstellung in der Justizbehörde. Man gab mir diese Plattenbauwohnung. Den sozialen Absturz habe ich im ersten Winter wie im Dämmerzustand verbracht. Ausgegrenzt zu sein, ohne meine Arbeit, meine Wohnung, meine vertraute Umgebung, ließ mich in eine tiefe Depression fallen. Als mir auch diese Wohnung gekündigt wurde und ich nicht wusste, wohin ich mich wenden sollte, brachte es mich fast um. Ich musste mich verstecken, denn in Russland lebt niemand auf der Straße.
....weiter im Buch
Das Auge des Freimaurers
„Schau hindurch“, sagt Kim. Sie reicht Milan den dreieckigen Klotz, den sie in ihrer Hand hin und her gedreht hatte.
„Was ist das?“, fragt Milan.
„Ein Amulett, mit einem Guckloch, von dem Grießhaber. Es ist mir vor die Füße gefallen, als er mir die Tür vor der Nase zugeschlagen hat.“
Kim steht auf. Die Mauer, auf der die beiden sitzen, ist kalt. Sie zieht ihre Jacke weit runter und setzt sich darauf. „Pöppes kalt“, lacht sie.
„Wer ist Grießhaber?“, fragt Milan und dreht dabei den Anhänger unsicher hin und her.
„Na, der rothaarige Alte mit dieser Dauerwellfrisur aus Block Nummer eins. Du hast ihn schon oft gesehen und noch öfter gehört. Er schimpft immer, mit jedem und über alles.“
„Ach der“, murmelt Milan. „Und warum soll ich da durchsehen?“
„Mach es einfach! Wenn ich es dir erkläre, verstehst du es nicht.“
„Warum sollte ich es nicht verstehen?“
„Weil es unmöglich ist!“
„Was?“ Milan schüttelt seinen hellblonden Lockenkopf.
„Nun, was du dann siehst.“
Manchmal nervt Kim. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt sie nicht mehr locker. Aber sie ist eben spannend. Was man mit ihr erlebt, kann man mit anderen nicht erleben.
„Na, was sollte ich denn schon sehen? Du bist heute mal wieder sehr geheimnisvoll. Ich werde sehen, was ich sehe, wie ich ohne das Ding sehe, was ich sehe.“
„Wau! Ein Satz mit viermal sehe“, lacht Kim. „Das war ein echt blonder Satz! Wirklich, Milan! Ich meine es ernst.“
Kim streicht sich mit der Hand durch die kurzen, braunen Haare, fasst sich an einen Ohrring, eine silberne Spinne, dreht sie herum und zieht ihre spitze Nase rauf. Dabei legt sich die Haut auf dem Nasenrücken in Falten.
Das kennt Milan an seiner besten Freundin aus all den vielen Diskussionen, die sie über den Umweltschutz und besonders über den Tagebau miteinander geführt haben. Es war ein sicheres Zeichen dafür, dass es jetzt ernst wird.
„Na gut, dann schaue ich eben durch. Du weißt auch, dass ich das nicht kann, ein Auge zukneifen und mit dem anderen schauen. Wehe, du lachst, wenn ich mir eins zuhalte und dabei den Mund verziehe. Ich weiß, das sieht debil aus.“
„Ich lache nicht“, sagt Kim und hält eine Hand zum Schwur hoch. „Ich schwöre!“
Obwohl Milan weiß, dass sie trotzdem lachen wird, tut er so, als glaube er ihr.
„Na gut. Was soll ich ansehen?“
Kim überlegt. „Da, sieh mal. Da kommt Frau Prinz. Schau einfach sie an.“ Kim zeigt auf die zierliche alte Dame, die zwischen Hecke und Spielplatz den Weg entlanggeht. Sie kommt vom Einkaufen und zieht ihren Trolley hinter sich her. Es scheint ihr beschwerlich zu sein, denn sie geht langsam und angestrengt. Ihr Blick ist dabei nur auf die Pflastersteine des Weges gerichtet.
Als sie kurz vor den beiden aufblickt und Kim und Milan auf der Mauer sitzen sieht, lächelt sie und sagt mit leiser Stimme: „Hallo Kim, hallo Milan. Geht es euch gut? Keine Schule heute?“
Frau Prinz wohnt auch in Block Nr. 5. Die Kinder mögen sie, weil sie immer freundlich ist und gelegentlich Lutscher verteilt. Dafür tragen sie ihr den Müll runter oder das Altglas weg. Stockt es schon mal bei den Hausaufgaben, können sie Frau Prinz immer fragen. Sie war einmal Lehrerin und ist jetzt 82 Jahre alt und Rentnerin. Aber sie weiß noch alles und hilft ihnen gerne.
Milan lächelt zurück und hebt den Anhänger vor das rechte Auge. Mit der linken Hand hält er sein linkes Auge zu und zieht dabei den linken Mundwinkel hoch. Er erschrickt. „Oh, was ist das?“, ruft er, nimmt den Anhänger runter, um ihn aber dann gleich wieder vor das Auge zu halten. „Was ist denn das?“, fragt er und nimmt ihn immer wieder ab, sieht dann wieder hindurch und starrt dabei Frau Prinz entsetzt an.
„Geht es dir gut?“, fragt Frau Prinz besorgt. „Kann ich dir helfen?“
„Äh, nein danke, ist schon gut, alles gut“, stottert Milan.
...weiter im Buch
Jocke rettet Lorenz
(Eine von vier Episoden)
Nashorn Lorenz lebt in Afrika.
Puh! Warm ist es da!
Der Maden-Hacker Jocke flitzt
auf Lorenz Rücken und er schwitzt,
Er zieht seit Tagen fade Maden
aus Lorenz seinem Panzer-Kragen.
Auch um die Ohren kümmert sich,
Jocke, dieser kleine Wicht.
Lorenz Ohren macht er rein,
denn er ist klein und passt hinein.
Er pickt Lorenz Ohrenschmalz,
das schmeckt ihm gut, es schmeckt nach Salz.
An einem sehr, sehr heißen Tag
Jocke zu dem Lorenz sagt:
„Ach, ich habe solchen Durst.“
Lorenz sagt: „Das ist mir Wurst.“
Das findet Jocke furchtbar dumm.
Nun stehen beide traurig rum.
„Warum sagst du so dumme Sachen?
Darüber kann ich gar nicht lachen“,
schimpft Jocke laut, denn er hat Durst
und das ist ihm gar nicht Wurst.
„Ich fliege mal zum Wasserloch!“
Lorenz sagt: „Versuch es doch!“
Jocke fliegt allein herum
und fliegt und fliegt
und schaut sich um.
Kein Wasser da, am großen Loch.
Dort war es doch vor Tagen noch.
Doch nun ist da nur trockner Dreck
und alle Tiere sind auch weg.
Madenjocke fliegt zurück,
ruft: „Lorenz! Du! Ich hab‘ kein Glück!
Kein Wasser da und auch kein Tier,
sonst waren sie doch alle hier.
Nun sind sie fort das Wasser auch
Lorenz oh, mir zwickt der Bauch.“
Lorenz brummt: „Das weiß ich doch.
Vertrocknet ist das Wasserloch.
Wir müssen nun sehr lange laufen,
um wieder mal etwas zu saufen.
Setz dich auf den Rücken drauf.
Du passt auf, und ich lauf.
Lorenz ist sooo lang gelaufen
doch sie können noch nicht saufen.
Lorenz schwitzt, schwach ist er auch,
weh tut ihm der dicke Bauch.
Lorenz hat auch Durst wie Jeck,
er kommt vor Schwäche kaum vom Fleck.
Lorenz Freund, der Jocke, sagt:
„Ich flieg mal hoch, so hoch ich mag,
und schaue, wo es Wasser gibt.“
Der Jocke hat den Lorenz lieb.
Er sieht, vor Durst geht es ihm schlecht.
Das ist Jocke gar nicht recht.
Hoch fliegt der Freund und höher noch,
da sieht er auch ein Wasserloch.
Alle Tiere sind schon da,
Jocke schreit: „Lorenz! Hurra!
Dort hinten ist ein kleiner See.
Der Bauch tut uns bald nicht mehr weh!“
Lorenz sagt: „Mein lieber Freund,
verzeih, ich hab‘s nicht bös‘ gemeint.
Ich habe Durst, ich schaff es nicht.
Flieg du nur hin, erfrische dich.
Lass mich hier liegen, fliege du.
Ich mach die Augen einfach zu.“
„Lorenz komm! Bald ist es gut!“
Jocke macht dem Lorenz Mut.
Lorenz muss zum Wasserloch
sonst verdurstet er ihm noch.
„Lorenz komm doch! Ja ich weiß,
du hast Durst und es ist heiß!“
Gerade so schafft Lorenz noch
den Weg zum großen Wasserloch.
Beide trinken mit Genuss
und mit Durst, da ist nun Schluss.
Lorenz sagt: „Du bist mein Freund,
hast mich gerettet, wie mir scheint!“
Nashorn Lorenz lebt in Afrika.
Puh! Warm ist es da!
Sein Freund Maden-Jocke sitzt
auf Lorenz Rücken und er schwitzt.
Lorenz sagt: „Ich hab‘ dich lieb!“
Jocke sagt ganz einfach: „Piep!“
...weiter im Buch