Jack und die Bohnenranke
In einer kleinen Hütte lebte einst eine arme Witwe mit ihrem einzigen Sohn. Der
Junge hieß Jack, und sie hatten noch eine Kuh, die hieß Milchweiß. Milchweiß gab
gute Milch, so viel, dass die beiden satt wurden davon und täglich noch einen Rest
verkaufen konnten. Aber eines Tages gab Milchweiß keine Milch mehr. Ihre Euter waren
schlaff und leer, und so auch am nächsten und am darauf folgenden Tag. „Oh Jack“,
sagte die Mutter. „Wir müssen Milchweiß verkaufen. Bring sie morgen früh zum Markt,
und sieh zu, dass du einen guten Preis dafür bekommst, denn sie ist alles, was wir
haben.“
Früh am nächsten Morgen machte Jack sich mit Milchweiß auf den Weg. Er war
noch gar nicht weit gegangen, da begegnete er einem alten Mann, der etwas seltsam
aussah und den er nicht kannte. „Guten Morgen, Jack!“ grüßte ihn der Alte. „Wohin des
Wegs?“
Jack wunderte sich ein wenig, dass der Alte seinen Namen kannte, doch er antwortete
höflich: „Guten Morgen! Ich bringe die Kuh zum Markt.“
„Ja, mein Junge, du siehst genau so aus wie einer, der eine Kuh verkaufen will! Sage
mir, Jack, weißt du, wieviel fünf Bohnen sind?“
„Gewiss weiß ich das. Zwei in jeder Hand, und eine unter der Zunge!“
„Genau! Und schau, hier sind sie, die fünf Bohnen!“ Der Alte streckte Jack seine
Hand hin, in der fünf Bohnen lagen, mit einer seltsamen Kerbe, wie Jack sie noch nie
gesehen hatte. „Und weißt du was?“ fuhr der Alte fort. „Ich bin tatsächlich bereit, dir
diese fünf Bohnen als Kaufpreis für deine Kuh zu geben.“
„Tatsächlich? Sehr lustig, aber nun lasst mich bitte weitergehen“, antwortete Jack.
„Jack, du weißt nicht, was das für Bohnen sind. Sie haben Zauberkraft. Wenn du sie
heute in die Erde steckst, ist morgen eine Ranke daraus gewachsen, die bis zum Himmel
reicht!“
„Ja, ja! Aber jetzt lasst mich wirklich weitergehen! Mein Weg ist noch weit!“
„Ah, Junge, du glaubst mir nicht. Aber ich will dir etwas vorschlagen: Wenn ich nicht
die Wahrheit gesprochen habe, können wir morgen das Geschäft wieder rückgängig
machen. Nun, wie wär’s?“
Jack zögerte. Die Bohnen machten ihn neugierig. „Also gut!“ sagte er schließlich und
schlug in die dargebotene Hand des Alten ein. Dann nahm er die fünf Bohnen und reichte
dem Alten den Strick mit der Kuh.
Als Jack kurz danach wieder heimkam, staunte seine Mutter. „Oh Jack! Schon
zurück? Du hast die Kuh verkauft, hast du einen guten Preis dafür bekommen?“
„Mutter“, antwortete Jack, „du wirst nie erraten, was ich für die Kuh bekommen
habe.“
„Das klingt gut, Jack. Sage mir, waren es zehn Pfund? Nein? Dann vielleicht zwölf?
Auch nicht? Doch nicht etwa fünfzehn? Oder gar zwanzig?!“
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Gidon Horowitz Jack und die Bohnenranke Seite 2
„Mutter, ich sagte dir doch, du wirst es nie erraten. Schau, diese fünf seltsamen
Bohnen hier...“
„Waaas?!!“ schrie die Mutter entsetzt. „Fünf lausige Bohnen für unsere gute
Milchweiß, die beste Kuh weit und breit?! Ich werde dir auch fünf geben, und die werden
nicht seltsam sein!“ Und sie verabreichte Jack fünf Ohrfeigen und schickte ihn ohne
Essen hinauf in seine Kammer. Die fünf Bohnen aber warf sie auf den Misthaufen.
Jack war traurig. Er hatte seine Mutter ja nicht ärgern wollen. Am Abend schlief er
hungrig ein. Früh am nächsten Morgen erwachte er. Seine Kammer war in ein seltsames
grünes Licht getaucht. Er schaute zum Fenster und begriff, woher dieses Licht kam. Vor
seinem Fenster stand eine riesige Pflanze, die es fast vollständig verdeckte. Jack schaute
hinaus und sah, dass es eine gewaltige Bohnenranke war, die aus dem Misthaufen
gewachsen war. Ihre Spitze aber konnte er nicht erkennen, denn sie reichte bis zu den
Wolken oder noch darüber hinaus. „So hat der Alte doch die Wahrheit gesprochen!“
murmelte Jack. „Wohin die Ranke wohl führt?“ Von seinem Fensterbrett aus musste er
nur einen Schritt tun, und dann konnte er an der Bohnenranke emporklettern.
Er kletterte und kletterte und kletterte, kletterte und kletterte, bis er oben ankam. Da
war eine große, schnurgerade Straße, der folgte er, bis er zu einem großen, hohen Haus
kam. Vor dem Haus stand eine große, hohe Frau am Brunnen und schöpfte Wasser.
Nun hatte Jack einen gewaltigen Hunger, denn er hatte ja seit dem letzten Morgen
nichts gegessen. So trat er zu der Frau hin und fragte sie: „Guten Morgen! Könnte ich
wohl etwas zum Frühstück bekommen?“
„Hör mal, Junge“, antwortete die große, hohe Frau. „Wenn du nicht bald von hier
verschwindest, dann wirst du selber das Frühstück sein! Mein Mann ist ein Oger, ein
gewaltiger Riese, der Menschen frisst. Seine Leibspeise sind kleine Jungen auf Toast.
Wenn er dich hier findet, ist es um dich geschehen.“
„Oh Mütterchen!“ bat Jack. „Ich habe so großen Hunger, dass ich keinen Schritt mehr
weitergehen kann. Bitte, gib mir etwas zu essen!“
Nun, die Frau des Ogers war gar nicht so böse. Sie führte Jack in die Küche und gab
ihm Milch und feines Brot, und Jack aß und trank. Plötzlich aber hörten sie von draußen
ein lautes Stampfen. „Oh Gott!“ rief die Frau. „Das ist mein Mann, er will sein
Frühstück! Wo soll ich dich nur verbergen? Komm, schnell in den Backofen! Nach dem
Frühstück macht er immer ein Nickerchen, da kannst du verschwinden.“
Kaum war Jack im Ofen und der Tisch abgeräumt, als der Oger hereinkam. Er war
wirklich gewaltig groß. An seiner Gürtelschlaufe baumelten zwei Kälber, die warf er auf
den Tisch und brüllte: „Mach mir mein Frühstück!“ Dann stutzte er. „Aber was ist das?
Was rieche ich?
Fi, fei fo, famm,
Ich riech‘ das Blut von einem jungen Mann!
Sei er lebendig oder tot,
Ich will ihn essen, geröstet auf Brot!
Gidon Horowitz Jack und die Bohnenranke Seite 3
Wo ist er? Wo ist der Leckerbissen?!“ Und er begann die ganze Küche abzusuchen
und zu durchwühlen.
„Nun hör auf!“ rief die Frau. „Du bringst mir ja alles in Unordnung! Hier ist kein
junger Mann. Woher auch? Du hast noch von deinem Ausflug den Geruch der Menschen
in der Nase. Jetzt setz dich und iss dein Frühstück!“
Der Riese setzte sich und aß. Dabei sog er aber immer wieder die Luft ein und sagte:
„Ich hätte aber schwören können, dass hier einer ist!“ Als er endlich satt war, rief er:
„Bring mir die Goldsäcke!“ Seine Frau brachte ihm zwei Säcke aus einer großen Truhe.
Der Oger leerte den einen Sack auf den Tisch aus – es waren lauter Goldmünzen darin!
Er begann sie zu zählen. „Eins, zwei, drei...“ Dabei wurde er immer schläfriger und
gähnte laut. „Vier, fünf, uaahh..., sechs... sieben...“ Sein Kopf sank auf den Tisch, er
schlief ein und schnarchte bald so laut, dass der Tisch wackelte und die Goldmünzen
darauf leise klimperten.
Jack wartete, bis er sicher war, dass der Oger wirklich schlief. Dann kam er leise aus
dem Backofen heraus. Die Frau war gerade hinter dem Haus beschäftigt. Jack packte den
vollen Goldsack und lief davon, ohne sich zu verabschieden. Er lief und lief, bis er zu der
Bohnenranke kam, kletterte daran hinunter, kletterte und kletterte, bis er unten ankam. Er
lief in die Stube, leerte die Goldmünzen auf den Tisch und rief: „Na, Mutter, ist das nicht
ein guter Preis für Milchweiß?!"
Von dem Gold konnten sie nun einige Zeit gut leben. Aber irgendwann war es
verbraucht, und Jack beschloss, den Oger noch einmal zu besuchen. Früh am nächsten
Morgen machte er sich auf den Weg, kletterte die Bohnenranke hinauf, kletterte und
kletterte, bis er oben ankam. Er folgte wieder der schnurgeraden Straße, bis er das große,
hohe Haus erreichte. Die Frau des Ogers stand wieder am Brunnen, und Jack lief zu ihr
hin und sprach: „Oh Mütterchen, könnte ich bitte etwas zu essen bekommen? Ich habe so
schrecklichen Hunger!“
„Junge, du wirst bald selber das Frühstück sein, wenn du nicht schleunigst von hier
verschwindest. Mein Mann ist ein Oger und liebt nichts mehr als kleine Jungen gebraten
auf Toast. Aber sag mal, warst du nicht schon mal bei uns? Stell dir vor, nach deinem
Besuch haben wir einen Sack voller Goldstücke vermisst!“
„Ich könnte dir einiges von dem Gold erzählen, aber zuerst muss ich etwas essen“,
antwortete Jack. „Ich bin völlig erschöpft von dem weiten Weg.“
Die Frau des Ogers war neugierig. Sie führte Jack in die Küche und stellte ihm Brot
und Milch hin. Jack tunkte jeden Bissen in die Milch und kaute langsam und bedächtig.
Nach kurzer Zeit hörten sie wieder das laute Stampfen. „Schnell!“ rief die Frau. „Das ist
mein Mann, er darf dich nicht finden, sonst ist’s um dich geschehen. Kriech in den
Backofen und lass dich erst wieder blicken, wenn er tief schläft!“
Kaum war Jack im Backofen und der Tisch abgeräumt, kam auch schon der Oger
herein. Er sog die Luft ein und brüllte:
Gidon Horowitz Jack und die Bohnenranke Seite 4
„Fi, fei fo, famm,
Ich riech‘ das Blut von einem jungen Mann!
Sei er lebendig oder tot,
Ich will ihn essen, geröstet auf Brot!
Wo ist der Leckerbissen?! Warum verbirgst du ihn vor mir?!“ Und er begann wieder
alles zu durchwühlen.
„Hier ist niemand! Hör auf, mir alles in Unordnung zu bringen!“ fuhr ihn seine Frau
an. „Du hast wieder den Geruch der Menschen auf der Erde in der Nase. Setz dich und iss
dein Frühstück!“
Der Riese setzte sich und aß. Dabei sog er immer wieder tief Luft ein und murmelte:
„Ich könnte schwören, dass hier einer ist...“ Als er satt war, rief er: „Bring mir das Huhn,
das goldene Eier legt!“ Seine Frau brachte ihm das Huhn. Er stellte es vor sich auf den
Tisch und sagte: „Lege!“ Da legte das Huhn ein goldenes Ei. „Lege!“ wiederholte der
Oger, und das Huhn legte noch ein goldenes Ei. „Lege!“ – wieder ein goldenes Ei. Nun
wurde der Oger schläfrig. Er gähnte laut, sein Kopf sank langsam auf den Tisch, er
schlief ein und schnarchte so laut, dass die goldenen Eier auf der Tischplatte hüpften und
tanzten.
Als Jack sah, dass der Oger tief und fest schlief, und die Frau draußen hinter dem
Haus war, kam er leise aus seinem Versteck hervor, packte das Huhn und lief davon, so
schnell er konnte. Doch als er die Türschwelle überschritt, gackerte das Huhn, und der
Oger erwachte. „He!“ rief er schlaftrunken. „Wo ist denn mein Huhn geblieben? Frau,
was hast du mit meinem Huhn gemacht?!“ Seine Frau kam, aber bis sie ihm alles erklärt
hatte, war Jack schon weit fort, hatte bereits die Bohnenranke erreicht und kletterte
hinunter, so schnell er konnte. Er brachte das Huhn in die Stube seiner Mutter, setzte es
auf den Tisch und sagte: „Lege!“, und das Huhn legte ein goldenes Ei! „Lege!“
wiederholte Jack – noch ein goldenes Ei. Ja, jetzt hatten sie Gold genug, das könnt ihr
euch vorstellen.
Eigentlich wäre es ja nun genug gewesen. Sie hatten Gold bis ans Ende ihrer Tage,
und eigentlich hätte Jack nicht nochmals hochklettern müssen. Aber schon am nächsten
Morgen stieg er tatsächlich wieder hinauf, kletterte und kletterte, folgte oben der
schnurgeraden Straße und verbarg sich hinter einem großen Felsen in der Nähe des
Hauses. Die große, hohe Frau stand wieder am Brunnen, doch als sie Wasser geschöpft
hatte, ging sie hinters Haus. In diesem Augenblick flitzte Jack in die Küche und verbarg
sich im – nein, bestimmt nicht im Backofen! Er kletterte in einen großen Kupferkessel.
Kurz danach kam der Oger heim, schnüffelte und brüllte:
„Fi, fei fo, famm,
Ich riech‘ das Blut von einem jungen Mann!
Sei er lebendig oder tot,
Ich will ihn essen, geröstet auf Brot!
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Wo ist der Leckerbissen! Jetzt musst du ihn mir endlich geben!“ Er begann wieder
alles zu durchwühlen. Aber seine Frau schalt ihn und rief: „Es ist aber niemand hier!
Oder... oder sollte der kleine Kerl, der uns schon zwei Mal bestohlen hat,
wiedergekommen sein? Dann steckt er sicher im Backofen!“ Sie stürzten zum Ofen, aber
der war leer. Sie suchten noch an einigen anderen Stellen in der Küche, nur in den
Kupferkessel schauten sie nicht. „Nein“, sagte die Frau schließlich. „Hier ist niemand!
Setz dich und iss dein Frühstück!“
Der Oger setzte sich und aß, und dabei sog er immer wieder die Luft ein und
murmelte: „Ich könnte schwören, dass hier einer ist!“ Nach dem Essen rief er: „Bring mir
die goldene Harfe!“ Seine Frau brachte ihm die goldene Harfe. Er stellte sie vor sich auf
den Tisch und sagte: „Spiele!“ Und die Harfe begann von allein zu spielen,
wunderschöne Melodien. Der Oger wurde schläfrig, er gähnte laut, sein Kopf sank auf
den Tisch, er schlief ein und begann zu schnarchen, so laut, dass es das Spiel der Harfe
übertönte.
Als Jack sicher war, dass er tief und fest schlief, und die Frau gerade hinter dem Haus
beschäftigt war, stieg er leise aus dem Kupferkessel heraus, packte die goldene Harfe und
lief aus dem Haus, so schnell er konnte. Aber sowie er die Schwelle überschritt, rief die
Harfe: „Herr! Herr!“ Der Oger erwachte. Er sah gerade noch Jacks Ferse. Er sprang auf
und begann die Verfolgung. Jack lief kreuz und quer, um den Oger in die Irre zu führen,
aber der Riese war schneller als er und kam immer näher. Endlich erreichte Jack die
Bohnenranke, schwang sich darauf und kletterte hinunter, so schnell er konnte. Der Oger
zögerte, sich diesem schwankenden Gewächs anzuvertrauen. Doch nun rief die Harfe
wieder: „Herr! Herr!“ Da stieg der Riese auf die Bohnenranke und begann auch hinunter
zu klettern. Unter seinem großen Gewicht schwankte die Bohnenranke. Jack kletterte und
kletterte, und der Oger ihm nach. Als Jack den Erdboden schon fast erreicht hatte, rief er:
„Mutter! Mutter, schnell eine Axt!“ Die Mutter lief ins Haus und holte eine Axt. Jack
sprang das letzte Stück zu Boden und packte die Axt. Seine Mutter aber schaute kurz
nach oben und erblickte die gewaltigen Beine des Ogers, der durch die Wolkendecke
herunterkam – da fiel sie in Ohnmacht. Jack hieb mit aller Kraft auf die Bohnenranke ein.
Die schwankte immer mehr. Der Oger hielt inne, um zu sehen, was da los war. Da
versetzte Jack der Ranke einen letzten Hieb, mit solcher Wucht, dass sie krachend zu Bo-
den stürzte und der Oger sich das Genick brach.
Nun konnten Jack und seine Mutter gut leben, mit dem Huhn, das goldene Eier legte,
und der goldenen Harfe, die so schöne Melodien spielte. Und später hat Jack tatsächlich
eine richtige Prinzessin geheiratet – aber das ist eine andere Geschichte, die werde ich
euch ein andermal erzählen.
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Märchen aus England, neu erzählt von Gidon Horowitz
Quellenangaben: Ich habe diese Geschichte schon als Kind sehr gern gehabt. Eine andere Fassung ist zu
finden in Joseph Jacobs (1854 – 1916), English Fairy Tales unter dem Titel Jack and the Beanstalk
