Wie einmal statt dem Mann die Frau das Feld bestellte

Wie einmal die Frau statt der Mann das Feld bestellte

 Märchen aus Estland

In einem fernen Land lebten ein Mann und seine Frau auf ihrem Bauernhof.

 Der Mann war oft ungeduldig und nörgelte ständig herum. Er sagte, seine Frau habe ein gar zu leichtes Leben.

 "Ich gehe vom frühen Morgen bis zum späten Abend aufs Feld und rackere mich ab. Ich arbeite Tag für Tag.

 Du aber gehst im Haus umher und lässt es dir gut gehen. Das ist das reinste Zuckerschlecken."

 

Irgendwann war das der Frau zu viel und sie antwortete:" Weißt du was, wir tauschen, ich gehe aufs Feld und du bestellst das Haus. Wir wollen sehen, wer es leichter hat."

Der Mann war Feuer und Flamme.

"Au ja, ich besorge das Haus und du gehst hinaus aufs Feld. Es muss gemäht werden."

Am anderen Morgen nahm die Frau die Sense. Aber bevor sie sich auf den Weg machte, sagte sie zu ihrem Mann: "Koche Grütze und schlage Butter dazu. Ich komme nach Hause wenn der Schatten zwei Fuß misst. Dann wollen wir gemeinsam essen. Und vergiss die Kuh nicht hinaus auf die Weide zu bringen."

Die Frau hatte kein rechtes Vertrauen in die häuslichen Fähigkeiten ihres Mannes.

Er sprach: "Ich mache das schon, gehe du nur hinaus auf das Feld."

Als die Frau gegangen war, setzte er sich  erst einmal hin und steckte sein Pfeifchen an. Dann überlegte er, was er wohl zuerst tun wollte.

Er wollte zuerst die Grütze kochen. Also ging er hinaus zum Brunnen und holte Wasser, schrubbte den Kessel und füllte Wasser hinein. Dann schüttete er die Graupen dazu und rührte um.

Danach machte er ein ordentliches Feuer unter dem Kessel, er legte reichlich Holz nach. Die Grütze sollte schnell fertig sein. Er rührte kräftig. Dabei ging ihm ständig sein Pfeifchen aus, das war lästig.

Die Kuh im Stall muhte schon.

Er dachte: "Wenn ich nun die Kuh hinaus auf die Weide bringe und wieder zurück komme, ist mir die Grütze angebrannt. Ich werde lieber noch etwas Wasser nachgießen."

Also ging er wieder hinaus zum Brunnen und holte Wasser. Als er das Wasser in den Kessel goss, war er unachtsam und der Kessel lief über und das Wasser löschte das Feuer unter dem Kessel.

Die Kuh im Stall brüllte lauter.

"Ist ja gut, du blödes Vieh, ich komme ja gleich. Erst muss ich das Feuer wieder entfachen, dann bringe ich dich hinaus."

Die Kuh brüllte noch lauter.

Als das Feuer unter dem Kessel endlich wieder brannte, machte er sich hinaus in den Stall. Dabei überlegte  er wieder: " Wenn ich die Kuh hinaus auf die Weide bringe, brennt mir wirklich noch die Grütze an oder das Feuer geht noch einmal aus. Ich bringe die Kuh aufs Dach des Kühlkellers, da wächst schönes frisches Gras, soll sie das fressen."

Er warf der Kuh den Strick um den Hals und führte sie auf das Dach des Kühlkellers und band sie dort fest.

Dann wieder zurück in die Küche, die Grütze musste gerührt werden.

Ach, ja, er sollte noch Butter schlagen. Also hinaus in die Scheune, das Butterfass und den Rahmtopf holen. Wieder zurück in der Küche, fing der Bauer auch sogleich an, die Butter zu schlagen. Dabei verspürte er starken Durst. Ihm fiel das Bierfass in der Scheune ein.

 Also zur Scheune. Dabei vergaß er die Küchentür zu schließen. Auf dem Hof lief die Sau mit ihren sieben Ferkeln. Sie sah die offene Küchentür und wollte sich die Küche mal von innen ansehen und sie machte sich mit ihren sieben Ferkeln auf den Weg zur Küche.

Der Bauer hatte in der Scheune schon das Maul unter dem Spund des Bierfasses. Da sah er die offene Küchentür und die Sau mitten in der Küche.

Erschrocken sprang er auf und lief zur Küche. Zu spät, das Butterfass lag auf dem Küchenboden, der Rahm war ausgelaufen und die Sau wälzte sich mittendrin.

Voller Wut packte der Mann einen Scheit  Holz und schmiss ihn nach der Sau. Am Rüssel getroffen fiel sie um und streckte  sogleich alle Viere von sich. Der Bauer jagt die Ferkel aus der Küche und zerrte die krepierte Sau auf den Hof.

Dann fiel ihm ein, dass er in der Eile vergessen hatte, den Spund vom Bierfass zu schließen. Schnell rannte er wieder in die Scheune. Zu spät, das ganze Bier war ausgelaufen und bildete eine Pfütze auf dem Scheunenboden.

Er suchte in der Scheune, ob er noch etwas Rahm finden konnte, er sollte ja buttern. Er fand auch noch welchen, und damit ging er wieder  zurück in die Küche. Dabei dachte er, das Bierfass könne austrocknen, jetzt, wo kein Bier mehr darinnen war.

Er machte sich auf den Weg zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Er nahm er das Butterfass mit, damit nicht ein neues Unheil geschehen solle. Das Butterfass stellte er auf den Brunnenrand und schöpfte Wasser. So kam es, dass er mit dem Wassereimer gegen das Butterfass stieß, das fiel um und kullerte in den Brunnen. Blöd gelaufen, nun würden sie die Grütze trocken essen müssen.

Ach ja, die Grütze. Aus der Küche roch es schon verdächtig brenzlig. Eilends lief der Mann in die Küche. Zu spät, die Grütze roch schon verdächtig.

Er dachte: "Der Geruch ist nicht so wichtig, Hauptsache, die Grütze schmeckt nicht angebrannt." Er versuchte sie und befand, dass es noch ginge. Mit etwas Butter würde sie zwar besser schmecken, aber was soll´s.

Vielleicht war in der Scheune noch etwas Butter zu finden. Er machte sich auf die Suche, aber er fand nichts mehr. Da stand ein großes Fass.  Was war darin? Neugierig beugte sich der Bauer über den Rand des Fasses, und plumps, fiel er hinein. Es war das Mehlfass. Prustend und nießend versuchte er, wieder aus dem Mehlfass zu klettern. Aber es gelang ihm nicht.

Die Frau war in der Zwischenzeit vom Feld gekommen. Sie hatte Hunger und wollte mit ihrem Mann gemeinsam Mittag essen. Aber sie fand ihn nicht. Wo war ihr Mann? Was war geschehen?

Auf dem Hof lag die tote Sau, auf dem Dach des Kühlkellers lag die Kuh mit einem gebrochenen Fuß, im Brunnen schwamm das Butterfass, die Küchentür stand offen, auf dem Küchenboden war der ganze Rahm verteilt, die Grütze war zu Kohle verbrannt, das Feuer war aus, das Bierfass war leer, auf dem Scheunenboden versickerte das Bier

Aber wo war ihr Mann? Endlich fand sie ihn im Mehlfass. Sie half ihm heraus und verlor kein Wort über all das Unheil. Sie war eine kluge Frau und brachte alles in Ordnung. Dann kochte sie frischen Brei und sie aßen gemeinsam. Mit Butter hätte es zwar besser geschmeckt.

Von diesem Tag an verlor der Mann kein böses Wort mehr über das ach so leichte Leben seiner Frau. Er wusste fortan ihre Arbeit zu schätzen. So wie sie die seine zu schätzen wusste.

Und sie lebten fortan glücklich und zufrieden auf ihrem Bauernhof in einem fernen Land.